Freiheit oder Sicherheit

Wie finde ich die Balance?

Freiheit ohne Struktur ist Überforderung: So findest du die Balance zwischen Freiheit und Sicherheit beim Hund

Du willst, dass dein Hund „einfach frei“ sein kann. Und gleichzeitig willst du, dass nichts passiert. Genau in diesem Spalt entsteht der Stress, der auf Spaziergängen so oft eskaliert: zu viel Raum ohne Stabilität, oder so viel Kontrolle, dass dein Hund innerlich klein wird. Der entscheidende Perspektivwechsel lautet: Freiheit ist kein Freifahrtschein. Freiheit funktioniert nur, wenn sie auf Sicherheit basiert, und zwar so, dass dein Hund dabei noch gute Entscheidungen treffen kann.

Freiheit und Sicherheit beim Hund: Warum „mehr Freiheit“ oft das falsche Ziel ist
Viele Hundehalter verbinden Freiheit mit einem Bild: Hund läuft ohne Leine über die Wiese, alles ist leicht, alles ist entspannt. Praktisch sieht es dann häufig anders aus: Der Hund rennt hektisch, ist schlecht ansprechbar, trifft impulsive Entscheidungen, oder „macht sein Ding“. Das fühlt sich für uns wie Freiheit an, für den Hund kann es Überforderung sein.

Hier ist der Kern: Freiheit ist ein Kompetenzthema. Sabrina Schmuttermair bringt es im Podcast auf den Punkt, inklusive der Voraussetzung, die viele übersehen.

„Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung, Entscheidungsfähigkeit.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Warum das so wichtig ist: Ein Hund muss Freiheit verarbeiten können. Dafür braucht er Selbstregulation, Orientierung und einen Rahmen, der Sicherheit gibt. Sonst macht sein Nervensystem das, was Nervensysteme unter Unsicherheit eben tun: hochfahren.

Sabrina formuliert es sehr klar:

„Freiheit ist nur dann sinnvoll wenn sie auf einem Fundament von Sicherheit basiert.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Heißt für deinen Alltag: Dein Ziel ist nicht maximale Freiheit. Dein Ziel ist passende Freiheit, dosiert nach Hund und Situation.

Die häufigste Ursache für „Chaos“ draußen: Freiheit ohne Struktur

Wenn dein Hund draußen „komisch“ wird, liegt es oft nicht an mangelndem Gehorsam. Es liegt daran, dass du ihm Entscheidungsspielraum gibst, während sein System bereits im Stressmodus ist, oder ohne dass er gelernt hat, sich in diesem Spielraum zu regulieren.

Sabrina benennt die typische Dynamik, wenn Hunde zu früh zu viel Freiheit bekommen:

„Ein Hund der zu früh zuviel Freiheit bekommen wird überfordert.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Was passiert dann? Hunde entwickeln Strategien, die aus ihrer Sicht logisch sind: mehr Distanz, mehr Tempo, mehr Kontrolle über die Umwelt, weniger Orientierung am Menschen. Für dich wirkt das wie „er hört nicht“. Für den Hund ist es oft ein Versuch, sich selbst zu organisieren.

Der Merksatz aus der Folge, den du dir an die Leine hängen kannst:

„Freiheit ohne Struktur ist keine Freiheit es ist Überforderung.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Warum das so ein Gamechanger ist: Es entlastet dich von der Idee, du müsstest „nur konsequenter“ sein. Stattdessen schaust du auf das System: Hat mein Hund gerade genug Sicherheit, um Freiheit überhaupt nutzen zu können?

Zu wenig Freiheit ist genauso riskant: Wenn Kontrolle Entwicklung verhindert

Die andere Seite wird oft romantisiert, weil sie kurzfristig „funktioniert“: enges Management, viele Vorgaben, wenig Entscheidungsspielraum. Das kann stabil wirken, erzeugt aber langfristig häufig das Gegenteil von dem, was du willst: Unsicherheit und fehlende Eigenständigkeit.

Sabrina beschreibt sehr konkret, woran du zu wenig Freiheit erkennst:

„Entscheidungen nimmt man dem Hund ständig vorweg.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Und was dann langfristig passieren kann:

„Langfristig passiert aber oft etwas anderes. Der Hund wird unsicher, ohne Führung.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Hier ist die unangenehme Wahrheit: Wenn ein Hund nie üben darf, gute Entscheidungen zu treffen, kann er es später auch nicht. Dann kommt der Tag, an dem du ihm mehr Raum gibst, und er „explodiert“ in Exploration, Impulsivität oder Kontrollverhalten. Nicht weil er dich ärgern will, sondern weil ihm die innere Kompetenz fehlt.

Die unterschätzte Stellschraube: Wie viel Freiheit hältst du selbst aus?

Jetzt wird es persönlich, und genau deshalb ist es so wirksam. Viele Trainingsfragen wirken wie Hundethemen, sind aber in Wahrheit Beziehungsthemen. Sabrina sagt es direkt:

„Es geht nicht nur um den Hund, es geht auch um einen selbst!“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Und noch klarer:

„Denn die Freiheit des Hundes endet oft genau dort wo die eigene Unsicherheit beginnt.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Hier ist der Punkt, an dem du als Hundehalter wirklich Einfluss hast, ohne am Hund „herumzuschrauben“: deine eigene Regulation. Wenn du innerlich erwartest, dass gleich etwas schiefgeht, wird dein Körper eng, deine Aufmerksamkeit hektisch, deine Stimme kippt, dein Timing wird schlechter. Dein Hund merkt das, auch wenn du kein Wort sagst.

Sabrina beschreibt diese Kette sehr nachvollziehbar:

„Wenn wir innerlich angespannt sind wird unser Hund wachsamer, unsicherer und reaktiver.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Warum das so relevant ist: Du kannst Freiheit nicht „geben“, wenn du sie innerlich nicht halten kannst. Dann wird jeder Meter Leine, jeder Freilaufmoment, jede Hundebegegnung zu einer Prüfung. Und dein Hund läuft diese Prüfung mit.

Neurobiologie in der Praxis: Warum dein Hund unter Stress keine guten Entscheidungen treffen kann

Wenn du verstehen willst, warum „er weiß doch, was er tun soll“ draußen manchmal nicht funktioniert, hilft ein Blick ins Gehirn. Sabrina erklärt in der Folge die Grundlogik: Das System bewertet permanent, ob etwas sicher oder unsicher ist.

„Die Amygdala bewertet alle Reize, die wir so aufnehmen in Wichtig oder Unwichtig, in Sicher oder Unsicher.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Und dann kommt der entscheidende Trainingsfehler, den viele unbewusst machen: Sie geben Freiheit (also Entscheidungsspielraum) genau in dem Moment, in dem der Hund bereits im Stresssystem hängt. Dann übernimmt nicht mehr der Teil, der Impulse steuern kann.

„Wenn er sich unsicher fühlt, übernimmt nicht der Präfrontale Cortex sondern dann übernimmt es Stresssystem.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Die Konsequenz ist hart, aber befreiend:

„Das heißt immer dann wenn mein Hund unter Stress steht und das Stresssystem an ist … Dann kann der Hund gar nicht mehr überlegen nachdenken und gute Entscheidungen treffen.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Was du daraus ableitest: Freiheit ist ein Ergebnis von Regulation. Wenn dein Hund gerade „on fire“ ist, brauchst du zuerst Sicherheit und Rahmen. Danach kannst du wieder dosieren.

Die 4-Schritte-Methode für deine Balance: Rahmen setzen, Freiheit dosieren, beobachten, dich selbst regulieren

Wie sieht das konkret aus, ohne dass du in starre Regeln verfällst? Sabrina gibt in der Folge eine sehr praxistaugliche Reihenfolge. Sie beginnt nicht mit „mehr Freilauf“ oder „mehr Gehorsam“, sondern mit Basisarbeit.

1) Setze zuerst einen klaren, wiederholbaren Rahmen

Sicherheit entsteht nicht durch Zufall. Sie entsteht durch Klarheit, Wiederholung und Verlässlichkeit.

„Im ersten Schritt ist es immer notwendig den notwendigen Rahmen zu setzen, das heißt wir sorgen erst einmal für Sicherheit.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Achte auf „klar verständlich und wiederholbar“ als Standard. Wenn du einen Rahmen nicht wiederherstellen kannst, ist er im Alltag keiner.

„Die Sicherheit beziehungsweise den Rahmen baut man klar verständlich und wiederholbar auf.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

2) Dosiere Freiheit Schritt für Schritt

Freiheit ist kein Schalter. Sie ist ein Regler. Du gibst mehr Raum, prüfst, ob dein Hund stabil bleibt, und gehst bei Bedarf wieder zurück.

„Im nächsten Schritt wird die Freiheit dosiert.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Und:

„Das heißt, wir lernen nicht einfach ab und der Hund hat die gesamte Freiheit, sondern das Ganze passiert Schritt für Schritt.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

3) Beobachte statt zu kontrollieren

Kontrolle wirkt oft wie Sicherheit, erzeugt aber häufig Druck. Beobachtung gibt dir Daten: Ist dein Hund noch ansprechbar? Bleibt er bei sich? Kann er Entscheidungen bewusst treffen?

„Und das ganze beobachten wir anstatt es zu kontrollieren.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Das ist ein Mindset-Shift: weniger eingreifen, mehr wahrnehmen. Gerade in Momenten, in denen du sonst „vorsorglich“ korrigieren würdest.

4) Reguliere dich selbst, sonst kippt jede Freiheit

Dieser Punkt ist kein Wellness-Zusatz, er ist Training.

„Zuletzt brauchen wir auch unsere Selbstregulation der Schlüssel zur inneren Ruhe.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Wenn du ruhig, klar und stabil bist, kann dein Hund sich eher an dir orientieren und den Raum nutzen, ohne zu kippen. Sabrina beschreibt Selbstführung sehr konkret:

„Sich selbst zu führen bedeutet nicht laut sein oder besonders hart sein sondern klar ruhig und stabil.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Dynamische Balance statt perfekter Punkt: So triffst du bessere Entscheidungen im Alltag

Viele suchen „den einen richtigen Weg“: immer Freilauf, nie Freilauf, immer Schleppleine, immer Fuß. Sabrina räumt mit dieser Idee auf. Zwischen Freiheit und Sicherheit gibt es keinen festen Punkt, nur einen Prozess, der sich bewegt.

„Zwischen Freiheit und Sicherheit gibt es nämlich keinen festen Punkt. Es ist ein ganz beweglicher Prozess.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Hier ist das Entscheidungsraster, das du ab sofort auf jedem Spaziergang nutzen kannst:

  • Was braucht mein Hund gerade, mehr Raum oder mehr Struktur?
  • Kann er gerade gute Entscheidungen treffen, oder ist sein Stresssystem aktiv?
  • Wie stabil bin ich gerade selbst, oder überfordert mich die Situation?

Sabrina formuliert diese Reflexion am Ende sehr alltagstauglich:

„Was braucht mein Hund gerade? Und was kann ich selber gerade halten?“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Und ein Punkt, der vielen Druck nimmt: Entwicklung passiert nicht ohne Fehlversuche. Du wirst dich verschätzen. Dein Hund wird sich verschätzen. Das gehört dazu, wenn du echte Kompetenz aufbaust.

„Und dabei wird man zwangsläufig Fehler machen.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Wenn du Fehler als Daten nutzt, statt als Beweis für „wir können das nicht“, kommst du in eine Lernspirale, die wirklich trägt.

„Genau aus diesem Spannungsbogen zwischen Fehlermachen zu dürfen entsteht Entwicklung.“ (Sabrina Schmuttermair, Hundetrainerin)

Was du ab dem nächsten Spaziergang konkret anders machen solltest
  • Miss Freiheit an Qualität, nicht an Metern. Frage dich: Trifft dein Hund gerade gute Entscheidungen, oder wirkt er getrieben?
  • Baue erst Sicherheit, dann Raum. Setze einen Rahmen, den du wiederherstellen kannst, bevor du Freiheit erhöhst.
  • Dosiere in kleinen Schritten. Mehr Freiheit, kurze Beobachtung, dann entscheiden: halten, erweitern oder wieder enger führen.
  • Trainiere deine eigene Stabilität. Wenn du innerlich angespannt bist, plane weniger Freiheit ein. Nicht als Strafe, sondern als realistische Führung.
  • Erlaube Fehler, ohne sie zu dramatisieren. Nutze sie als Hinweis: War der Rahmen zu eng, oder war die Freiheit zu groß für diesen Moment?

Wenn du diese Logik ernst nimmst, verändert sich dein Alltag schnell: Du hörst auf, Freiheit und Sicherheit als Gegensätze zu behandeln, und fängst an, sie als Team zu denken, für deinen Hund und für dich.

Quellen:

Bowlby, John: Attachment and Loss.

Bradshaw, John: Dog Sense.

Gácsi, Márta: Studien zur Mensch-Hund-Bindung.

Horowitz, Alexandra: Inside of a Dog.

Miklósi, Ádám: Dog Behaviour, Evolution and Cognition.

Panksepp, Jaak: Affective Neuroscience.

Range, Friederike und Virányi, Zsófia: Soziale Kognition beim Hund.

Sapolsky, Robert: Why Zebras Don’t Get Ulcers.

Schöning, Barbara: Verhaltensbiologie Hund.

Topál, József: Bindung Mensch-Hund.

Zimen, Erik: Der Hund – Abstammung, Verhalten, Mensch und Hund.

19.05.2026 – Es kann keine Verantwortung hinsichtlich Vollständigkeit und Korrektheit übernommen werden. Alle Angaben und genannten Hinweise sind Empfehlungen und müssen individuell geprüft werden.

©4LuckyPaws Sabrina Schmuttermair

BVZ Hundetrainer Mitglied
Kontaktformular